Archive for June, 2012

Sankt Oberholz-Berlin-Venue of the digital Bohéme

St. Oberholz in Berlin from Yollarda on Vimeo.

Franz Bieberkopf was here
Drank his beer
Go to the ladiesrooms in St. Oberholz
Refresh your lipstick

Listening to Hans Paetsch
Reading Hui Buh
The story of Balduin, the knight
Transformed to the ghost of a castle

Once upon a time in the 1970th
When we were watching Hitparade
And listening to the Radio
Of the British Military Forces in Germany

The Aischinger brothers August and Carl opened the first public venues for drinking beer in Berlin 1892. The building at Rosenthaler Platz was the ninth place, built in 1898, where you could have snacks and a beer for 10 Pfennig (5 Cent). Alfred Döblin describes the place in his novel “Berlin Alexanderplatz”. Aischinger lost their good name with taking over the “”Haus Vaterland” from the jewish Kempinski Family. In 1947 when the building was in the Sowjet ruled sector it got part of the state owned gastronomy HO. After the reunification 1989 Burger King owned the beautiful building, later it got a table dance bar. In 2005 Ansgar Oberholz opened a venue for the digital Bohéme. Young Creatives from Germany and from all over the world come to live and work here and around Rosenthaler Platz.

Vom Essen und Trinken

Als Angehöriger des lyrischen Prekariats mit zweifelhaftem Budget ausgestattet, bin ich in Istanbul nicht sonderlich viel ausgegangen. Was Mahlzeiten belangt, agierte ich weit überwiegend als Selbstversorger in meiner kleinen, mäßig ausgestatteten Küche. Viele Zutaten der türkischen Küche hatte ich bereits in den vergangenen Jahren in meinem Kölner Kaufsaray gefunden und zuhause getestet, andere, etwa Hammelhoden, mochten sie auch noch so halal geschlachtet sein, ließ ich bis heute aus. Fisch ist in Istanbul günstiger als Fleisch, das freute mich und die Händler am Fischmarkt von Karaköy. Durch mein unsichtbares Auge erblickte ich mich regelmäßig mit einem Säckchen fangfrischem Bonito oder Garnelen beim Erklimmen des Galatahügels. Was mir sonst noch besonders gefiel:

– İçli Köfte, konisch auslaufende, frittierte Bulgurkugeln, mit Fleisch und Zwiebeln gefüllt. Google Translate fand die schöne Übersetzung „Empfindlicher Klops“. Schwer ergründliche, sehr orientalische Gewürzmischungen runden diesen wunderbaren Snack.

– Çerkez Tavuğu, das berühmte tscherkessische Huhn, kommt als pürierte Paste aus Hühnerfleisch, Walnüssen, Paprika, sowie weiteren Grundzutaten und Gewürzen. Eine perfekte Vorspeise.

– Midye Dolma sind gekochte und mit gewürztem Reis gefüllte Miesmuscheln. Sie werden mit einem Spritzer frischer Zitrone serviert. Die Muscheln können am Straßenrand stückweise geordert werden, der Verkäufer präpariert Tier um Tier und reicht die geöffneten Schalen einzeln an.

– İmam Bayıldı sind fein mit Gemüsen und Gewürzen gefüllte, geschmorte Auberginen. Sie werden als Vorspeise oder Beilage gereicht und schmecken einfach nur großartig. Der Name des Gerichts bedeutet denn auch „Der Imam fiel in Ohnmacht“.

– Tantuni: in mächtigen Spezialpfannen gegarte, raffiniert geradeaus geschärfte Rind- oder Kalbfleischwürmchen mit Tomaten, Zwiebeln, Petersilie in Yufkateig gerollt. Dazu wird Salat aus Rauke, Brunnenkresse und Sauerampfer gereicht. Sollte eines Tages den deutschen Döner ablösen.

Von türkischem Döner, dessen Machart sich vom deutschen in zentralen Punkten unterscheidet, hielt ich mich fern, zumal mein Nachbar einer schweren Dönervergiftung erlag. Zwar feierte er nach zwei Tagen bereits Wiederauferstehung, doch in der Zwischenzeit machte er einen wahrlich gespenstischen Eindruck. In den türkischen Döner gelangt eher wenig Fleisch (und doch genug, um zu überschlagen, daß die billigen Stückpreise ungute Rückschlüsse auf die Grundqualität nahelegen), zumeist vom Huhn, desweiteren Fritten, Gewürzgurken, Mayonnaise und ähnliche Überraschungen. Das Konkurrenzprodukt ist ein horizontaler Spieß, Kokoreç. Um einen Fettkern werden Lammdärme gewickelt und angeröstet. Sind die Darmschnüre außen schön kross, werden sie abgehobelt, zerkleinert und mit Zwiebeln und Tomaten serviert. Obgleich ich als Kind durchaus Affinität zu „Sauren Nierchen“ und insbesondere zu Hühnerherzen besaß, halte ich mich heute bei Innereien meist zurück.

Was ich als Kind hingegen ablehnte, war Milchreis, den ich in Istanbul in seiner Ausprägung als Sütlaç beinahe täglich mit Begeisterung löffelte. Überhaupt war ich angetan von den Desserts: Tavuk Göğsü und Kazandibi sind klebrige Reismehlpuddings, im erstern Fall mit Hühnerfasern untermengt. Berichtet wurde mir von Aşure, einer suppen- oder auch klumpenartigen Süßspeise aus Bohnen, Kichererbsen, Rosinen etc, die zu Festanlässen bereitet würde und das erste Gericht, das Noah nach Verlassen der Arche seinerzeit als Resteessen verteilt habe, gewesen sein soll. Ganze Ladenzeilen widmen sich in Istanbul der Süßwarenversorgung. Es gibt europäisch anmutende Zuckerwerkläden mit Profiteroles und Tiramisu sowie grell überzogenen, mit heftigen Geliermitteln gesteiften Törtchen, und dann wieder Baklava-Bäcker mit ihren sirupgetränkten Auslagen und Lokumstände, durch deren vielfältige Proben sich zu naschen einen schönen türkischen Sport vorstellt.

In meiner Straße hatte gerade ein Restaurant eröffnet, dessen Programm die türkische Variante von „Futtern wie bei Muttern“ darstellte. Dort gab es Linsen-, Brennessel-, Joghurt- und Hackbällchensuppen mit oder ohne Reiseinlage, und zu den gefüllten Gemüsen auf Wunsch einen kräftigen Schlag Naturjoghurt, ein Produkt, auf das die Türken sich deutlich besser als wir Deutschen verstehen. Das Restaurant unterschied sich von einem klassischen türkischen Arbeiter-Schnellimbiß (Lokanta) eigentlich nur aufgrund seiner ökomensalastigen Einrichtung und dem entsprechenden Publikum.

Worauf die Türken sich deutlich schlechter als die Deutschen verstehen, ist Bier. Auf der Zutatenliste des türkischen Premium Pils Efes ist der verdächtige Begriff Şeker (Zucker) gelistet, auf dem Wein lasten 70 Prozent Steuern, das heißt ein türkischer Wein um 10 Euro ist ordentlicher deutscher Supermarkt-Ware um 3 bis 4 Euro vergleichbar: der türkische Weinbau findet statt und befindet sich im cabernetkopierenden, vanilligen Aus- und Aufbau. Was ich nicht zu testen bekam, war das Wintergetränk Boza, ein leicht vergorenes Bulgursäftlein, über das sehr widersprüchliche Aussagen bestehen. Dafür probierte ich Şalgam, einen recht präsenten, angeblich höchst gesunden, fermentierten Steckrübensaft mit kräftiger Chilinote, der zu Fisch, Fleisch und Rakı getrunken wird, wobei er halbwegs Sinn macht – ohne Fisch, Fleisch oder Rakı ist er höchst entbehrlich. Salep schließlich ist ein Heißtrunk auf Basis zerstoßener Knabenkrautwurzel und, darin wohl Boza ähnlich, von unterschiedlichster Konsistenz und Geschmack (meine Nachbarin meinte: spermaartig), ich erwischte auf der Fähre eine vanillemilchige Version, die nach Fertigmischung roch und wohl für Kinder gedacht war.

Vom Fliegen

Beeindruckt hat mich die explosive osmanische Luftfahrtgeschichte und ihr Verpuffen in den Angsträumen der Macht. Ihre Existenz war mir völlig unbekannt. Meiner Schulbildung zufolge hatten die Marken der Aeronautik im Wesentlichen Daedalus und Ikarus, Leonardo da Vinci (der auch eine nie umgesetzte Brücke übers Goldene Horn entwarf), die Brüder Montgolfier, der Schneider von Ulm, Otto Lilienthal und die Brüder Wright gesetzt – eine ziemlich westliche, und im Speziellen sehr deutsche Sichtweise. Wenn ich mich recht erinnere, war der einzige Schulstoff, der mich je mit dem Osmanischen Reich konfrontierte ein Kanongesang, demzufolge wir Erstklässler nicht zuviel Kaffee trinken sollten wie die nervenschwachen, kranken, koffeinsüchtigen Muselmanen.

Am Galataturm erblickte ich eine Bronzetafel, die den Flugpionier Hezarfen Ahmet Çelebi ehrt. Nach ein wenig Recherche fand ich die knappen Zeilen des Chronisten Evliya Çelebi, welcher Hezarfen Ahmets Flug in seinem Reisebuch (Seyahatnâme) auf 1632 datiert: „Am Anfang übte er, indem er acht- oder neunmal, den Wind nutzend, mit Adlerflügeln über die Kanzel von Okmeydanı flog. Dann, als Sultan Murat IV. von der Sinan Pascha-Villa in Sarayburnu zusah, flog er von ganz oben vom Galataturm und landete mithilfe des Südwestwinds am Doğancılar-Platz in Üsküdar. Daraufhin belohnte Murat IV. ihn mit einem Sack Goldmünzen und sagte: „Dies ist ein furchteinflößender Mann. Er ist fähig zu erreichen, was er will. Es ist nicht richtig, solche Leute zu behalten“, und sandte ihn ins Exil nach Algerien. Dort starb er.“

Auf diesen Zeilen gründet also die Legende des weltersten Interkontinentalflugs. Zwar wird dem Autor ein Hang zur Übertreibung nachgesagt und ein erfahrener Drachenflieger, den ich auf der Turmbrüstung um seine Einschätzung bat, zeigte sich überaus skeptisch, was das Erreichen der anderen Bosporusseite mit einem modernen Gleitschirm beträfe, doch ist Hezarfen Ahmet Çelebi aus dem türkischen Volksflugempfinden nicht mehr wegzudenken. Die illegalen Ornithopter-Händler von Kuledibi variieren seine Geschichte gegenüber den Touristen, nicht zuletzt auch auf Basis des Spielfilms „Istanbul Beneath My Wings“ (İstanbul Kanatlarımın Altında) von Mustafa Altıoklar.

Der Film von 1996 packt die historische Notiz in eine erweiterte Dramaturgie: Hezarfen Ahmet gelangt über eine venezianische Sklavin an Leonardo da Vincis verschlüsselte Vogelflugstudien, dieweil Sultan Murat IV. die halbe Stadt abschlachtet, um die ausufernde, beinahe kölsch-katholisch wirkende Dekadenz einzudämmen. Istanbuls Sittenbild äußert sich in Bootsnächten auf dem Bosporus, Gelagen, Intrigen, taumelnden Omar Khayyām-Zitationen und wohlbekannten Möwentönen. Die europäische Inquisition spiegelt sich in Drangsalierungen Hezarfens (der Beiname bedeutet in etwa „Vielgelehrter“). Der geistliche Berater des Sultans hält Flugversuche für gottesfremd. Hezarfen kommentiert die Nachricht von Galileis Prozeß: „Ein Wissenschaftler darf nicht widerrufen!“ Sultan Murat IV., der mit Massenexekutionen gegen Opium-, Alkohol-, Kaffee- und Tabakkonsum vorging, vermeldet der Abspann süffisant, soll mit 27 Jahren an Leberzirrhose gestorben sein.

Doch noch einmal zurück zum Anfang. Oben erwähnte Westentaschen-Ahnenreihe der Luftfahrt legt auffällig viele innerfamiliäre Interessensparallelen nahe, zumal auch Otto Lilienthal gemeinsam mit seinem Bruder Gustav an Flugmaschinen bastelte. So gesehen erstaunt es wenig, daß Ahmet Çelebi einen flugbegeisterten Bruder besaß: Lagâri Hasan Çelebi. Äußerst erstaunlich ist dessen Leistung. Ein Jahr nach der Bosporus-Überquerung seines Bruders Ahmet, schoß sich Lagâri Hasan als welterster Rocketman gen All. Er wolle mit Jesus im Himmel sprechen, gab er als vernünftiges Grundziel an. Um es zu erreichen, soll er einen raketenartigen Spezialanzug gefertigt haben, den er mit Schwarzpulver füllte. Innert 20 Sekunden ging sein Flug von Sarayburnu 300 Meter steil in die Lüfte, behauptet die zeitgenössische Berichterstattung (erneut: Evliya Çelebi). Den anschließenden Fall in den Bosporus soll Lagâri Hasan mit einem Schirm abgedämpft und überlebt haben. Auch er wurde zunächst vom Sultan belohnt und dann verbannt.

Woran erinnert mich all das? Ist es nicht am Rhein neuerdings üblich, daß zu Christi Himmelfahrt vatergewordene Jesusse, wenn schon nicht in die Stratosfäre, so doch, von Spirituosen beflügelt, in außergewöhnliche geistige Höhen aufsteigen, um mit salafistischem Bodenpersonal zu debattieren? Oder bringe ich da gerade etwas durcheinander? Der Himmel über Istanbul ist heuer jedenfalls nicht mehr von Raketen- und Vogelbrüdern bevölkert. Es patrouillieren dort Möwen und gelegentlich Hubschrauber, während im Hintergrund ein majestätischer Airbus vom Sabiha Gökçen Flughafen abhebt oder auf dem Atatürk Flughafen landet. Urbane Fluggefühle stellen sich ein im Türk Balon Cafe in Kadıköy, das an schönen Tagen bis 100 Meter über den Meeresspiegel emporsteigt, ein wenig auch in den Seilbahnen vom Maçka Park und in Eyüp, stets jedoch auf meiner abendlichen, vogelumkreisten Dachterrasse. Und manchmal sehe ich von dort schaudernd eine Sternschnuppe in den Bosporus fallen und einen überflüssigen Fisch erschlagen, der drunt im Wasser zuviel Unsinn gepredigt hat.

Schlendern durch Istanbul (2)

„Die Arbeit fängt der Muselmann
Moschee in Allah Ruhe an“
Michael Schönen

Daß in Istanbul alles Istanbul ist, habe ich begriffen, nachdem Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Städten zwar zahlreich ins Auge fielen, die Vergleiche auf den zweiten Blick jedoch wenig standhielten. Orient und Okzident prallten in dieser Stadt aufeinander, heißt es. Das mag sein, ich spürte jedoch keinen Aufprall. Istanbuls Straßen bestehen vielmehr aus Geschiebe. Gemischter Gemengelage. Gedrängel. Selbst ein paar tausend Kilometer tiefer im Osten sind Großstädte längst teilverwestlicht. Viel mehr als diese oft beschworene und dabei kaum je über Klischees erhabene „Kluft der Kulturen“ (wie ich sie von klein an zwischen Badenern und Schwaben kenne) interessierten mich als literarischen Gastarbeiter Berichte über Callcenter, die sich in Istanbul verstecken, und deren Mitarbeiter, zurückgewanderte Deutschtürken, unter deutschen Aliasnamen deutsche Haushalte „aus Fulda“ anrufen, um „Marketing“ zu betreiben, eine Situation, bei der, grob formuliert, im Osten Westen auf Westen prallt. Nein, falsch! Geschiebe trifft es auch hier besser als Aufprall. Im Geschiebe malmen mindestens vier Dimensionen und verspotten die übliche Berichterstattung.

Der erste Moscheebesuch meines fortgeschrittenen Lebens war eigentlich bereits der anderthalbste. Denn bevor ich die Yeni Cami betrat, war ich in der Hagia Sophia, die lange Zeit als Moschee diente und nach Ansicht einiger besonders religiöser Studenten bald auch wieder dienen soll. Lange habe ich Moscheebesuche aufgrund der Zwangsvorstellung abgelehnt, mir könnten währenddessen die Schuhe geklaut werden. Im Vergleich zu meiner restlichen Kleidung trage ich ziemlich teure Schuhe, sie haben mich über unzählige Asfaltkilometer begleitet und meine Liebste hat sie mir geschenkt, was sie mir doppelt und dreifach wertvoll macht. Hinzu kam, daß viele von Straßenhändlern angebotene Schuhe stark nach den Schuhablagen der 1001 Istanbuler Moscheen rochen. Natürlich erwies sich meine Zwangsvorstellung als irrig: jedermann darf seine Schuhe in die Moschee mit hinein nehmen, nachdem sie ausgezogen und in einem Beutel verstaut sind.

Das Innere der Yeni Cami, welche der Hagia Sofia nachempfunden ist, vermittelte eine religiös grundierte Gelassenheit, wie ich sie in Kirchen kaum je gefunden habe. Touristen wird auf Spanisch mitgeteilt, in welchem Bereich sie zurückbleiben sollten. Für meinen Gebotsübertritt interessierte sich kein Mensch: ich begab mich in eine lauschige Fensternische, ließ mich auf dem wunderbar komfortablen Teppich nieder und wartete, ob Geist auf mich kommen würde. In anderen Nischen saßen Betende, aus der Kuppel senkte sich ein Kronleuchter über den gesamten Hauptraum, das einströmende Licht verteilte sich in schönster Gleichmäßigkeit. Dem Geist waren jedenfalls Tür und Tor geöffnet. Bald erschien ein Rezitator und gab einen Sermon von sich, dessen melodische Performance einer gewissen Eintönigkeit nicht entbehrte, die sich dennoch positiv gegen nahezu alles abhob, was ich an Vergleichbarem aus deutscher Priesterkehle je zu Ohren bekam. Als ich aus der Moschee trat, sah ich den Geist als Möwe sich silbrig im Sonnenglast lösen.

Durch Zufall, ich folgte einfach einer deutschsprachigen Meute, die in der Syrischen Arkade (Suriye Pasajı) einen Treppenaufgang stürmte, geriet ich in einen stuckverzierten Siebenzimmer-Leerstand in der obersten Etage. Angekommen, bemerkte ich: die von der Meute avisierte Wohnung gehörte meinem Vermieter. Der dort hinter einem Tresen stand und sich über die Meute freute. Mein Vermieter ist einer der bekannteren Wohnungsspekulanten Beyoğlus, ein Motor der örtlichen Gentrifizierung, deren Auswirkungen er angeblich, in Anverwandlung klassischer Doppelmoral, bedauert. Gerne sähe er sich als Mäzen wahrgenommen, doch hat ihn bei Mäzenatentaten, die diesen Namen verdienten, noch selten jemand erwischt. Als ich den Beste Lage-Leerstand betrat, tippte ich auf eine vermakelte Wohnungsbesichtigung mit champagnösem Abschluß. Tatsächlich gab es eine Lyriklesung, d.h. stilles Wasser und Verweilzeit für eine zähe halbe Stunde. Bei Lyriklesungen, diesen von allseitiger Ahnungslosigkeit gefährdeten, sensitiven Darbietungen, schaue ich mir zur Ablenkung meist die Gesichter des Publikums an, entweder, weil mein Blick von der Bühne auf eben dieses Publikum fällt, oder um herauszufinden, was um Gottes Willen die Leute zu den Auftritten meiner Kollegen treibt.

Während des lyrischen Intermezzos mußte ein Satz über Amseln gefallen sein; es zog mich plötzlich mit aller Macht hinfort. Ins Hoheitsgebiet der Vögel. Dazu erklomm ich die Dachterrasse meines Wohnhauses und sann, wem wohl der Grund unterm Arsch weggentrifiziert worden war für meinen efemeren Bosporusblick. Ein quietschbunter Ornithopter querte meine Gedanken und landete im Oleander. Auf meiner Dachterrasse stehen nämlich in gewaltigen Tonnen Jasmin- und Oleanderbüsche. Wenn ich diese Büsche imitiere, werde ich bald von Spatzen angeflogen. Ich mache das nur sehr selten. Genieße vielmehr und viel lieber die Nähe zum Himmel, den supersokağischen Raum, erfüllt von Vogellauten, Schiffshupen, von Hauswänden gebrochenem Gebetsrufwaber und gelegentlichem Gewitterdonner. Drei Möwen jagten nun unter triumfierendem Gelächter einen passierscheinlosen Fischreiher. Brieftauben flatterten durch ihre Trainingsschlaufen. Mauersegler stürzten wie irre durch die Lüfte und stießen schrille Sriieps aus. Von der Gasse her maunzte es. Marie T. Martin schrieb einmal, die Katzen seien die heimlichen Besitzer Istanbuls. Ich glaube das nicht. Was sollen „heimliche Besitzer“ sein? Die Seelen der Obdachlosen und Weggentrifizierten? Die Katzen trauen sich garnichts gegen die Möwen, auf deren Dung die Stadt gewachsen ist. Und Möwen können, ganz im Gegensatz zu Katzen, fliegen, ohne dafür zuerst von Autos überfahren werden zu müssen.